Mittwoch, 19. März 2014

Amazon Big Data wird ein Verlag

Jeden Tag einen Beitrag für den Blog zu schreiben, ist im Moment nicht besonders schwer. Da ich über den digitalen Wandel bei den Büchern schreibe, muss ich selten lange suchen. Es ist eine Branche im Abbruch oder Umbruch - je nachdem.

'Amazon wird eine Verlag!' Diese Meldung sorgt bei den Buchleuten für große Aufregung -> Link. Von Boykott ist die Rede, als habe Amazon vor, sich in den stationären Buchhandel zu schleichen.

Es stellt sich aber die Frage - jetzt mal als Kunde - warum ich in eine Buchhandlung gehen soll, um einen Amazontitel zu bestellen. Die meisten würden am PC bestellen, selbst wenn sie über einer Buchhandlung wohnen würde. Der nette Buchhändler nimmt die Pakate ja immer gerne an ... ;-)

Interessant ist, dass sich nicht nur (ungefragt) die Buchhändler wehren, sondern auch die Agenten -> Link. Genau besehen, geifern sie. Von Sachlichkeit keine Spur. Fast so, als stelle jemand ihren Daseinszweck  in Frage, hmm ...

Gut, dieser Herr Wylie wirkt leicht angetrunken, aber in der Tat hat sich Amazon vor längerem um prominente Agenten bemüht, um sie nach Besichtung komentarlos durch eigene Verlagsleute zu ersetzen -> Link.

Ein Agent scheint - genauso wie ein Buchhändler - nicht recht in die neue Zeit zu passen. Amazon braucht niemanden, der den Kontakt zu den Autoren vermittelt. Wie und zu welchen Konditionen bei Amazon ein Selfpublisher veröffentlicht, ist den Autoren bekannt.

Genau hier aber liegt ein Problem. Amazon bekam bisher keinen Kontakt zu den Autoren, die ja nicht mehr tun müssen, als ihr Buch hochzuladen und die Konditionen festzusetzen. Das führt aber - im Erfolgsfall dazu - dass die Autoren abgeworben werden, wenn niemand da ist, der sie aufhält.

Und genau hier setzt Amazon an. Sehr schön hat Emily Bold den Grund für die Verlagsaktivitäten von Amazon beschrieben -> Link.

Ungesagt bleibt, dass Amazon etwas anbieten kann, das über jede Agenten- oder Verlagstätigkeit hinausgeht: Über die übliche Vermittlung von Layouter und Lektor hinaus, wertet Amazon das Verhalten ihrer Leser für Emily Bold aus - so, wie es sonst niemand tut! Damit wird das Bauchgefühls eines Agenten verzichtbar. Und auch Verlage kennen ihre Leser kaum, da sie zu wenig Ebooks verkaufen.

Wir haben es mit einem neuen Typus von Autor zu tun, der nicht mehr einer inneren Stimme folgt, sondern durchaus zum Handwerker von Leseunterhaltung geworden ist. Nicht Intuition zählt, sondern Analyse. Klar, Talent und eine Idee braucht jede Autorin, wenn sie sich absetzen will. Aber um nicht sofort vom Heer der Abschreiberinnen eingeholt zu werden, darf sie sich eben nicht wiederholen.

Zudem muss sie schneller schreiben, um ihre Bekanntheit auszunutzen. Wenn sie Curse 12 - oder wie ihre Serie heißt - liefert, dann wandern ihr die Leser eben nicht zu Fluch 1 ab.

Amazon Publishing ist kein Versuch, den Fuss in die Tür eines sterbenden Buchhandels zu bekommen. Auch die bei der Verlagstätigkeit für die Autoren abfallenden Holzbücher sind nur ein Leckerli, ein Trostdrops für die Vorgestrigen unter den Autoren.

Dieser neue Verlag ist vielmehr ein Versuch, Autoren und Big Data zu verknüpfen. Es geht um einen Autoren völlig neuen Typs, und eben damit um einen Verlag völlig neuen Typs.

Amazon Publishing ist keine Kampfansage, sondern der Anfang von etwas völlig Neuem - einer Sandkastenliebe, wenn ihr so wollt ... und warten könnt ;-)


Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Bei aller Gegenwehr der Buchhändler, was hält Amazon eigentlich davon ab, eine eigene Ladenkette aufzubauen?

Spiegelbest hat gesagt…

Amazon hat eine Ladenkette - mobil und gelb.

Anonym hat gesagt…

Meines Wissens hat Amazon genau das in ihrer Heimat versucht, allerdings nicht wirklich von Erfolg gekrönt. Andererseits, warum sollten sie es hier noch tun? Sollen sie sich dem selbst verursachten Sterben der Buchhändler anschließen? Macht keinen Sinn